Die Wunderwut

Wie können wir unseren Kindern helfen produktiv mit ihrer Wut umzugehen? Wie gehen wir selbst mit Wut um? Können wir unsere Wut annehmen, uns erlauben wütend zu sein? Und können wir dann der Wut lauschen und darauf hören, was sie uns sagen möchte? Können wir die Wut-Kraft kanalisieren und positiv nutzen?

Aus gegebenem Anlass möchte ich euch gerne heute eine sog. pädagogische Geschichte für Kinder zum Umgang mit Wut schenken. Vielleicht inspiriert sie ja den ein oder anderen zu eigenen, situationsbezogenen Geschichten.

Geschichten sind eine wunderbare Möglichkeit Kinder zu erreichen. Sie leben in der Phantasie und im Gefühl und Geschichten sind somit genau die richtige „Sprache“, um unseren Kindern entwicklungsgemäße Unterstützung geben zu können.

„Die Wunder-Wut“

Eine pädagogische Geschichte über den achtsamen Umgang mit Wut

Es war einmal eine Hasenfamilie, die lebte in einer Wurzelhöhle unter einem großen Baum.

Der große Bruder und die kleine Schwester liebten es, gemeinsam draußen zu spielen, am liebsten spielten sie Fangen und Verstecken. Manchmal schlichen sie sich auch gerne auf das Feld des Bauern und stibitzten sich jeder eine Möhre.

Einmal als sie beide gerade eine solche in den Pfoten hielten, sagte die kleine Schwester zum großen Bruder:

„Ich will deine Möhre haben!“.

„Aber nur, wenn du mir dafür deine gibst“.

„Nein, ich will beide haben!“

„Aber ich möchte doch auch eine fressen!“

„Nein! Ich will beide!“

Die kleine Schwester ließ ihrem armen großen Bruder keine Ruhe und er wurde immer frustrierter und wütender. Er wusste nicht mehr wohin mit sich. Vor lauter Wut und Hilflosigkeit biss er ihr schließlich ins Ohr.

„Auuuuuuuu!“ schrie seine Schwester und hoppelte weinend zu ihrer Mutter.

Dem großen Bruder tat es sofort sehr leid, dass er seiner kleinen Schwester wehgetan hatte. Aber sie konnte ihn so wütend machen! Was konnte er nur tun?

Traurig hoppelte er den Weg entlang.

Da traf er einen Hund.

„Hallo“, sagte der Hund, „warum guckst du denn so traurig?“

„Ach“, erwiderte der kleine Hase, „ich war eben so wütend und da habe ich meine Schwester gebissen“

„Autsch“, sagte der Hund, „das hat ihr bestimmt wehgetan.“

„Ja,“ sagte der Hase, „aber wenn ich wütend werde, dann weiß ich einfach nicht was ich tun soll! Was machst du denn, wenn du wütend wirst?“

„Wenn ich wütend bin, dann belle und knurre ich und fletsche die Zähne!“ sagte der Hund.

„Und beißt du dann auch?“ fragte der Hasel.

„Nein, wenn ich das täte, mit meinen scharfen Zähnen, dann wäre das Ohr ganz ab… das darf ich nicht. Aber das Bellen und Knurren reicht auch – irgendwann ist meine Wut wieder weg.“

„Einfach so?“ wunderte sich der Hase.

„Ja, irgendwie schon – einfach so“ sagte der Hund.

„Hmmm“, wunderte sich der Hase. Dann verabschiedete er sich vom Hund und hoppelte weiter.

Nach einer Weile traf er eine Kuh, die lag auf der Wiese und kaute. Der Hase grüßte die Kuh und fragte,

„Du, Kuh, wirst du auch manchmal wütend?“

„Wütend? Hmmm, ich kann mich nicht dran erinnern, dass ich mal wütend war. Aber ich kenne eine andere Kuh, die wird manchmal wütend, wenn eine Mücke sie sticht.“

„Und was macht sie dann?“

„Dann wedelt sie mit dem Schwanz die Mücke weg und frisst weiter.“

„Mehr nicht?“ fragte der Hase ungläubig?

„Das sieht so aus“ erwiderte die Kuh.

Noch nachdenklicher hoppelte der Hase weiter.

Da sah er auf einmal einen alten Mann auf einer Bank vor einem Haus sitzen. Der Mann hatte die Augen geschlossen und saß einfach nur da. Der Hase stupste ihn am Bein und fragte:

„Was machst du da?“

„Ich atme“ sagte der alte Mann.

„Du atmest?“ fragte der Hase verwundert. „Warum musst du dafür auf der Bank sitzen? Wir atmen doch alle, immer, sonst würden wir gar nicht leben“.

„Ja“, lachte der Mann nun. „Das stimmt, aber ich atme ganz bewusst, das ist was anderes.“

„Warum machst du das denn?“ fragte der Hase.

„Weil ich mich mit meiner Frau gestritten habe und sehr wütend geworden bin. Da bin ich rausgegangen und nun sitze ich hier und atme.“

„Hast du deine Frau auch gebissen?“ fragte der Hase.

„Das hätte ich am liebsten getan“, schmunzelte der alte Mann, „und laut gebrüllt und geflucht und mit den Türen geschlagen hätte ich auch gerne – so hab ich das früher auch gemacht – aber das bringt ja nichts“

„Warum nicht?“

„Weil ich dann nichts höre.“

„Was willst du denn hören?“

„Was meine Wut mir sagen will.“

„Was deine Wut dir sagen will?!“ ungläubig stellte der kleine Hase seine Ohren auf.

„Ja,“ sagte der alte Mann. „Soll ich dir ein Geheimnis verraten? Die Wut ist dein Freund. Sie sagt dir, was du brauchst und was du möchtest. Sie kommt, wenn du das nicht selbst merkst und ihre Hilfe brauchst.“

„Aber die Wut ist doch nicht mein Freund! Sie fühl sich gar nicht gut an und macht, dass ich meine kleine Schwester beißen muss!“.

„Ja, das kenne ich“, sagte der alte Mann nun ganz ernst. „Es ist nicht leicht, die Wut auszuhalten und anzunehmen aber es gibt einen Trick wie du es lernen kannst.“

„Einen Trick?“ rief der kleine Hase aufgeregt, „verrätst du ihn mir?“

„Ja, gern. Wenn du merkst, dass du wütend wirst, dann geh weg, geh raus oder irgendwo anders hin und zähle langsam bis zehn – manchmal, wenn die Wut ganz stark ist, musst du auch zweimal bis zehn zählen. Aber dann geschieht ein Wunder: die Wut wird weniger und bevor sie geht, kannst du sie fragen, was sie dir sagen möchte und wenn du dann gut lauschst, dann sagt sie dir, was du eigentlich brauchst und möchtest.“

„Das ist ja toll,“ sagte der Hase, „kann ich das auch lernen?“

„Auf jeden Fall. Aber du musst geduldig sein und viel üben. Es gelingt am Anfang nicht immer, aber es wird mit der Zeit immer leichter und du wirst merken, dass die Wut dein Freund ist und dir viel Kraft geben wird.“

Der kleine Hase sah den alten Mann nur bewundernd an. Beide schwiegen.

„So,“ lächelte der alte Mann nach einer Weile, „jetzt lass mich noch eine Weile allein hier sitzen und meiner Wut lauschen. Auf Wiedersehen kleiner Hase.“

Der Hase bedankte sich beim alten Mann, verabschiedete sich und machte sich auf den Rückweg.

Auf dem Rückweg traf er wieder die Kuh und den Hund und erzählte beiden von dem Geheimnis, das der alte Mann ihm verraten hatte: „Die Wut ist mein Freund. Und der Trick ist, wenn ich wütend bin, dann zähle ich bis zehn, atme und dann wird sie weniger und ich lausche, was mir meine Wut sagen will. Das werde ich jetzt immer üben!“

Dann hoppelte er stolz nach Hause. Zu Hause wartete schon seine kleine Schwester auf ihn. Er hoppelte zu ihr, stupste sie mit der Nase an, bis sie lachen musste und hoppelte dann schnell davon, damit sie ihn fangen konnte. So spielten sie eine Weile Fangen. Aber die kleine Schwester wollte immer wieder auf seinen Rücken springen, obwohl er das eigentlich gar nicht wollte. Er wurde immer wütender und wütender und da fiel ihm der Trick ein, den der alte Mann ihm verraten hatte. Er hoppelte hinter einen Busch und fing an langsam bis zehn zu zählen: „Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs…“

„Was machst du da?“ fragte seine Schwester, die neugierig hinterher gekommen war.

„Ich zähle, weil da Wut in meinem Bauch ist und ich dich nicht beißen will…“

„Oh,“ sagte die kleine Schwester, „dann zähl mal schön weiter!“ und sie hoppelte schnell davon.

Er setze sich unter den Strauch, atmete tief in seinen Bauch ein und langsam wieder aus, wie er es beim alten Mann gesehen hatte, und als er spürte, dass die Wut fast weg war, fragte er sie, was sie ihm sagen wollte. Und sie erzählte es ihm. Da lächelte er, streckte sich auf der Wiese aus, schaute in den Himmel blauen Himmel und ruhte sich aus.

**************************

Wie gehen eure Kinder mit Wut um? Wie gelingt es euch? Hat die Geschichte helfen können? Oder habt ihr euch eine eigene ausgedacht?  Freue mich über Rückmeldung!

Schreibe einen Kommentar